Buchbesprechung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 3.7.2001
Als das Fahrrad noch ein Auto war

Bunte Paraphernalia
Die Blumenvase im Fahrzeug, knappes Bordwerkzeug, fünfstelliger Kilometerzähler, vier Gänge, ein Suchscheinwerfer, das kommt uns doch bekannt vor. VW-Käfer, würden wir tippen. Falsch! Ein zweirädiger Rower aus Coventry oder seine Varianten von Adler, Wartburg, Opel oder wie sonst sie alle hießen, lautet die richtige Antwort. Dazu erklingt der Opel-Marsch "componirt" und dem Hause Adam Opel hochachtungsvoll gewidmet von "Adolf Kugler". Keine Frage, daß die fesche Radlerin auf dem Notenblatt ein Opel-Rad aus Kaiser Wilhelms Zeiten fährt. Um ein orginal Mercedes-Fahrrad aus Berlin steuern zu können, mußte der erste Weltkrieg vorbei sein.

Walter Euhus' Buch führt uns mitten hinein in den Fahrradboom vor 1900, wo das neue Statussymbol alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrang. Opulente Farbstrecken fotografiert von Alfons Festerling, belegen ästethisch eindringlich, wie zentral das Fahrrad in den goldenen Zeiten rangierte: Komponenten, Embleme, Zubehör, Reklameartikel, Werbegrafik, Vereinsnippes bis zu den Radfahrer-Liederbüchern, die auf vier Noppen über die Bierlache des Biertischs schwebten - mehr, als ein Sammler in zwanzig Jahren zusammentragen kann (tatsächlich waren es vier).

Dieses Buch ist ein Signal in der Fahrradbuchecke, die in der letzten Zeit bis hin zu grellbunten Krimis arg radsportlastig geworden ist: Die Mode der Saison besinnt sich auf Fahrradkultur, weil die Gelobt-sei-was-hart-macht-Attitüde den Genußradler eher abtörnt. Jetzt träufelt Euhus Balsam auf die Wunden aller der gegen Rennradeln allergischen Fahrradfreunde - ein wares Geschenk für alle Fahrradliebhaber in Familie oder Bekanntschaft!

HANS-EBERHARD LESSING


Rädlichkeiten
  
Gegenstände und Gerät
          - am und ums Velociped.

106 Seiten, 250 Farbfotos  € 19,90.
Bezugsmöglichkeit:
www.die-speiche-verlag.de
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0511 / 731474, Fax 7261769